Mailinterview: MotorProsa – Geschichten aus der Kurve

Biker, Blogger & Autor – und noch ein wenig mehr!

Vor über 10 Jahren bin ich im Rahmen meiner Magazintätigkeit eine Südtour gefahren. Ausgehend von meinem Quartier, bin ich vormittags in das Alpenvorland hineingecruist und habe nachmittags bzw. abends MC’s besucht, u. a. den Wheels of Steel MC Bavaria, den Iron Horses MC München und den Sons of Silence MC Freising. Es war eine grandiose Tour, die auf dem 50th Anniversary des Iron Horses MC Nürnberg einen krönenden Abschluss fand.

Für mich als Fischkopf war das dortige Cruising-Erlebnis herausragend. Anders als Biker Jürgen Theiner bin ich mangels Zeit jedoch keine großen Pässe gefahren. Das macht Jürgen dafür regelmäßig, und vermutlich ist das auch der Grund, warum ich auf seiner Page MotorProsa – Geschichten aus der Kurve hängengeblieben bin. Fakt ist, ich schaue immer mal wieder drauf und ziehe mir rein, wo er gerade mit dem Hobel am Start war.

Es war längst Zeit, ihn konkret auf das Thema anzuhauen. Jürgen gab sofort sein OK und was dabei herauskam, könnt ihr in diesem Mailinterview lesen. Holt auch vorher aber einen Pott Kaffee. Jürgen hat das Mailinterview ausgiebig genutzt.

Heute rücke ich mal Jürgen Theiner, Autor der Page MotorProsa – Geschichten aus der Kurve, auf die Pelle.

Das Mailinterview!

1. Hey Jürgen. Du bist ein leidenschaftlicher Biker. Wann wurdest Du infiziert?

Als Jugendlicher war ich jahrelang nur mit dem Rennrad unterwegs – auf der Straße und im Gelände. Ich übte Wheelies und Drifts und verschliss jede Menge Reifen. An Motorräder dachte ich nie. Irgendwann aber begegnete mir ein Typ aus meinem Dorf mit seiner Honda Africa Twin. Er fuhr auf dem Hinterrad durch die Gassen, stand öfters als erlaubt quer, veranstaltete ein irres Spektakel. Und das gefiel mir. Zufällig fand ich im Zeitschriftenladen eine Ausgabe der „Motorrad, Reisen und Sport“ mit genau dieser Africa Twin auf dem Titel. Dieses Heft kaufte ich mir, es wurde mein Eintritt in die Motorradwelt. Damals war ich 15. Es war um mich geschehen, ich kaufte fortan jedes verfügbare Motorradmagazin und verschlang die neuen Infos förmlich.

2. Ok, das war der Anfang. Wie ging es weiter?

Das erste eigene „Motorrad“ bekam ich mit 16. Ich hatte im Nachbarort einen Sommerjob als Koch angenommen und benötigte ein Gefährt für die nächtliche Fahrt nach Hause. Mein Vater stellte mir ein steinaltes Mofa, einen Piaggio Ciao 50, hin. Das Ding war ein optischer Schmerz und lief kaum schneller als 30 km/h.
Eigentlich war es mir nur peinlich. Meine Freunde hatten alle mindestens eine Vespa, einige sogar hochbeinige und irre Cross-Maschinen. Aber nach ein paar Optimierungsmaßnahmen lief mein Ciao doppelt so schnell wie erlaubt und war somit ein erträglicher Kompromiss. Damit schlug ich mich einige Jahre herum.
Erst nach dem Abitur konnte ich mir meinen größten Wunsch erfüllen und eine gebrauchte Suzuki RGV 250 Gamma kaufen. Mit diesem Racer lernte ich das Fahren in den Bergen, wagte mich an die ersten Schräglagen und war so stolz darauf, dass ich das ganze Jahr über, auch im Winter, damit unterwegs war.
Fast 15 Jahre lang fuhr ich ausschließlich Motorrad. Bis auf eine Ausnahme – die Suzuki LS 650 – waren es immer Straßenmaschinen. Ein Auto oder auch nur der Autoführerschein interessierten mich nicht. Ein Sportmotorrad und kurvige Straßen – mehr brauchte ich nicht.
2002 entdeckte ich Supermoto – DAS war der Spaß meines Lebens. Mit zwei scharfen Einzylindern von KTM lernte ich das Motorradfahren im Grunde nochmal komplett neu und tobte mich auch bei Langstreckenrennen damit aus.
Erst mit der Babypause trat das Motorradfahren kurz in den Hintergrund – in vier Jahren fuhr ich kaum 500 Kilometer. Doch seit 2012 ist es wieder so, wie es sein soll – meine Freizeit verbringe ich auf dem Motorrad.
Über meinen Motorrad-Werdegang habe ich ein Buch geschrieben. „Motorprosa – Geschichten aus der Kurve“ enthält Erinnerungen an 25 schräge Jahre auf dem Motorrad, garniert mit kleineren und größeren Katastrophen.

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3. Nun bist du aktuell viel in der Alpenregion unterwegs, cruist u. a. über ambitionierte Pässe. Was fasziniert dich daran?

Meine Heimat, mitten in den Alpen, lässt mir im Grunde keine Wahl – ich bin von hohen Bergen und Pässen eingekesselt. Jahrelang bin ich im Sommer ausschließlich das Stilfser Joch und seinen Schweizer Kollegen, den Umbrailpass gefahren. Mein Job als Koch erlaubte keine längeren Touren.
Erst nach dem Jobwechsel und mit plötzlich freien Wochenenden konnte ich mich auch weiter entfernt umsehen. Und in der Tat lag mein Interesse dabei immer auf Pässen und Hochstraßen. In mittelbarer Umgebung sind es die magischen Dolomiten und die Giganten der Innerschweiz, die ich immer wieder besuche. Die Gegend rund um das Gotthard-Massiv kann ich guten Gewissens als meine zweite Heimat bezeichnen.
Im Laufe der Jahre hat sich allerdings mein Fokus verschoben – ich interessiere mich mehr für die Landstriche, die ich besuche als für sportliches, zügiges Fahren. Warum gibt es diesen Pass? Wer hat ihn gebaut? Was ist seine Besonderheit? Wie fühlt er sich an? Diesen Gedanken gehe ich auf meinen Fahrten nach und bringe sie dann zu Papier. Denn jeder Alpenpass, jede Hochstraße, hat eine eigene Historie, hat Dramen oder besondere Geschichten erlebt – und ich meine, dass man auf dem Motorrad sehr gut darin eintauchen kann. Und: Die Freiheit, einfach mal rechts ran zu fahren und sich Notizen zu machen, ist auf dem Zweirad einfach unübertroffen.

4. Was steht denn so in der Garage? Mit was bist du aktuell unterwegs?

Meine vor 25 Jahren neu gekaufte Ducati 748s ist immer noch bei mir. Sie hat mittlerweile rund 100.000 Kilometer auf dem Tacho und lief immer problemlos, immer klangstark. Sie teilt sich den Platz in der Garage mit einem 2013er Road King aus der schönen 110th Anniversary Edition und einer elektrischen Zero SR/F. Ich bewege alle drei Maschinen regelmäßig, wobei der Elektriker am häufigsten zum Einsatz kommt, da er am einfachsten zu fahren ist. Er hat am meisten Power und erlaubt auch das Feiern der zu Supermoto-Zeiten erlernten Späße.

6. Was war bisher deine geilste und/oder längste Tour?

Das war eine einwöchige Tour mit dem Road King in die französischen Seealpen, als Teil einer kleinen Gruppe. Ich hatte die Harley damals neu und keine Ahnung, was mich erwarten würde – und es wurde grandios. Wir starteten in Nordtirol, drehten eine Schleife durch die Dolomiten, wechselten im Anschluss rüber zum Lago Maggiore und befuhren dann mindestens zwei Dutzend französische Pässe. Obwohl ich im Sattel des schweren Kings alle Hände voll zu tun hatte, um hinterher zu kommen, zehre ich von diesen Eindrücken dieser Reise noch heute; seitdem verbringe ich meine Jahresurlaube, wann immer möglich, im Süden Frankreichs.

7. Ich bin ein Mann der Clubszene. Wie stehst du zu dieser Welt?

Mir ist die Clubszene vollkommen unbekannt, daher habe ich keine Meinung dazu. Es gibt natürlich auch in meiner Heimat Südtirols mehrere Clubs, aber ich kam nie in Berührung mit ihnen. Das mag daran liegen, dass ich meist alleine bzw. nur mit meinem besten Kumpel unterwegs war und Biker-Veranstaltungen oder Szene-Treffen – ohne besonderen Grund – mied.

8. Was machst du eigentlich beruflich?

Ich bin Mediengestalter und arbeite seit mehr als 20 Jahren in einer Inhouse-Werbeagentur in der Schweiz. Zu Anfang waren vor allem Print-Unterlagen, Verpackungen und Messestände mein Ding, mittlerweile hat sich meine Tätigkeit in Richtung Web, mit allem, was dazugehört, verschoben: Fotografie, Bildbearbeitung, Videoschnitt, Texten.

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9. Und, immer noch Bock auf den Job?

Ja, unbestritten. Mein Job hat den Vorteil, dass er sich ständig verändert und weiterentwickelt. Und doch baut immer noch Vieles, was man heute so produziert, auf den einstigen heißen Scheiß aus der Jahrtausendwende auf. Als Autor, Blogger und Medienschaffender profitiere ich sehr von meinem Job – und umgekehrt.

9. Welches Ziel, welche Tour willst du unbedingt noch fahren?

Ich träume von einer mehrwöchigen Tour durch den Süden Frankreichs. Ich möchte die Pässe der Seealpen, die Schluchten der Provence, die unendlichen Weiten der Camargue und die Einsamkeit der Cevennen im Sattel des Kings erleben. Ich möchte bewusst und ohne Zeitdruck fahren können, bestenfalls unterwegs jede Menge Geschichten schreiben und – warum nicht? – ein weiteres Buch darüber schreiben. Bisher scheiterte diese Tour an meinen vielen Nebenprojekten, durch die meine Urlaubstage schnell verplant sind.

10. Was ist Dir nioch wichtig zu erwähnen?

Rückblickend finde ich es erstaunlich, wie sich mein Motorradleben mit den Jahren geändert hat: War ich zu Beginn noch ein knieschleifender Möchtegern-Racer, so nutze ich das Motorrad nun als Mittel zum Zweck. Es ist mein Vehikel, um besondere Landstriche und Traumstraßen zu durchdringen. Ich fahre bewusster und aufmerksamer, und es geht mir nicht mehr vordringlich ums Fahren an sich, sondern um Erinnerungen, Emotionen und Gedanken zum Niederschreiben.
So hat sich auch mein zweiter Traum – für ein Motorradmagazin zu schreiben – erfüllt. Die Passportraits, die ich seit fünf Jahren in Kooperation mit dem Fotografen Uli Biggemann (www.moppetfoto.de) erstelle, werden mittlerweile regelmäßig in einem großen deutschen Titel veröffentlicht. Auszüge davon finden sich auf meiner Website www.motorprosa.com unter der Rubrik „Traumstraßen“. (Ende Mailinterview)

Anmerkungen!

Das war lang, aber interessant. An sich ist Jürgen genau der Typ Biker, den ich mir vorgestellt habe. Beneiden tue ich ihn jedoch nicht, mein Leben läuft in anderen Bahnen ab. Aber das ist gut so, denn stellt euch mal vor, wir würden alle gleich ticken. Checkt bei Jürgen auf der Page MotorProsa – Geschichten aus der Kurve ein und lasst ihm bei Gefallen ein Like da.

 

Fotos: © Jürgen Theiner

Kontakt: https://www.facebook.com/motorprosa

Autor: Lars Petersen

Mitglied im DPV Deutscher Presseverband - Verband für Journalisten e.V. Über 30 Jahre Erfahrung als Vertriebsmann, davon 9 Jahre Anzeigenleiter bei der Borgmeier Media Gruppe GmbH in Delmenhorst. Steckenpferd? Texten. Zur Person? Vater und MC-Mitglied (1%er). Karre? 99er Harley Davidson Road King. KM pro Jahr? Das reicht schon! Mein Credo? Geht nicht, gibt es nicht!! Machen, nicht labern! Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass er seine Tätigkeit mit der höchst möglichen Neutralität und Objektivität ausführt und die Inhalte im Online-Magazin nur von ihm entschieden werden, sofern es sich nicht um bezahlte Aufträge handelt. Besonderes: U. a. Veranstalter von Bikes, Music & More Vol.1 bis 5. - Das Biker-Festival in Delmenhorst, Organisator der Biker Meile im Rahmen des Delmenhorster Autofrühlings sowie Produzent vom Motorcycle Jamboree Journal. Ausrichter vom Rocker Talk 1 und 3.