The last Ride!
Über Beerdigungen in der Szene schreibe ich nicht gerne, egal um wen es sich handelt. Ob der Mann einen Tag Member war oder mehrere Jahrzehnte, irgendwie versucht man ihn seiner würdig zu gedenken, läuft aber stets Gefahr, dass die Nummer nicht mal ansatzweise das rüber bringt, was den Menschen wirklich ausgemacht hat. Und in Zeiten der Corona-Restriktionen wird dieses Unterfangen keinesfalls einfacher, weil schon die Beschränkungen alleine verhindern, dass sich ein MC in der Form von einem Bruder verabschiedet, wie es unter normalen Umständen erfolgen würde. So war es auch am Donnerstag auf dem Waller Friedhof, als etliche Charter des Hells Angels MC aus Deutschland und Europa Blues 81 die letzte Ehre erwiesen.
About Blues 81!
Das Charter Harbour City, dessen Member Blues zuletzt war, spielte mir gottlob ein wenig die Karten in die Hand. Denn während der Zeremonie lief im O-Ton ein Interview mit ihm ab, in dem er über die Anfänge des ersten deutschen Ablegers des Hells Angels MC berichtete. Einiges wusste ich, vieles nicht.
Blues, bürgerlich Rainer Kopperschmidt, erläuterte in diesem Interview, dass er und seine Kumpels, er war seinerzeit Member des Bloody Devils MC Hamburg, Kontakte zu den Züricher Hells Angels hatten. Diese vertieften sich über die Jahre, in Blues und seinen Kumpels, u. a. der 2017 verstorbene Mario Amtmann, wuchs der Wunsch selber Hells Angels zu werden. Das Züricher Charter begrüßte das und sprach eine Empfehlung aus.
- Der junge und wilde Blues, Mitbegründer der deutschen Hells Angels!
- Reifer und ruhiger in den 60zigern!
Man nahm zu den amerikanischen Hells Angels Kontakt auf und Blues flog in die USA, um in einem dreiwöchigen Aufenthalt im Mutterland der Hells Angels mit dem seinerzeit im Fulsom Prison einsitzenden Sunny Barger alle Voraussetzungen zu klären, damit in Deutschland 1973 das erste Charter gegründet werden konnte. Inspiriert durch den Film Hells Angels 69 folgte Blues damit seinem Vorbild Sunny Barger und wurde ein Hells Angel. Ab da wuchs der Club, weitere Charter wurden gegründet. So auch das Charter West Side, dessen Mitbegründer Blues ebenfalls war. Der Mann hat ganz klar Impulse gesetzt. Unter anderem auch bei dem Konzert von Jimmy Hendrix auf der Insel Fehmarn, wo die Hamburger Rocker als Ordner eingesetzt wurden.
Durch die Geburt seiner Tochter Kimberly, ich kenne Kimmi und ihren Mann Thomas persönlich, wurde Blues geerdeter und ruhiger. Die ganz wilden Zeiten waren damit vorbei, er schenkte seiner Tochter alle Liebe und zog sie nahezu alleine groß, beschäftigte sich fortan u.a. mit dem Tierschutz. Wenn Kimberly von ihrem Vater sprach, so spürte ich stets das besondere Band zwischen ihm und ihr. Die beiden hatten ein ganz inniges Verhältnis und erlebten schwere, aber auch extrem viele glückliche Momente. Das schweisste beide m. E. immens zusammen.
Zuletzt ging es Blues 81 gesundheitlich sehr schlecht. Es war absehbar, dass seine Zeit gekommen war. Trotz der Vorboten seines baldigen Ablebens nahm Kimberly die Bürde der Pflege auf sich und war für ihren Vater durchgehend da. Blues 81 verstarb letztlich einen Tag nach seinem 69ten Geburtstag. Auch wenn er Member im Charter Harbour City war, so wollte er in der Nähe seiner Familie begraben werden. Sein Charter akzeptierte diesen Wunsch, obwohl man ihn sehr gerne im Hamburger Mausoleum beigesetzt hätte.
Blues 81 hätte alleine von seiner Vita sicherlich eine prachtvolle und massenhaft besuchte Beisetzung verdient gehabt und auch bekommen. Nun, Covid-19 machte dieses nicht möglich. Der MC setze die behördlichen Vorgaben m. E. gut um. Vergesst nie, dass sich ein MC als Familie sieht. Das man sich zur Begrüßung somit umarmt ist insofern völlig normal. Die Polizei war präsent, hielt sich jedoch zurück. Auf dem Friedhof selbst waren keine Uniformierten zu sehen.
Ich hoffe, dass Kimberly ihre Trauerzeit gut übersteht, wünsche ihr und allen Familienangehörigen viel Kraft. Nun ist wieder eine Szenegröße von uns gegangen. R.I.P Blues 81!
Hier ein Song, der m. E. gut passt!
Und der Klassiker!




