Sichtweisen: Rocker & Presse

Grundsätzlich darf man sicherlich feststellen, dass Rocker und Presse zwei Dinge sind, die so rein gar nicht miteinander harmonieren. Die konsequent negative Berichterstattung führt in einem stetig schwelenden Prozess zu einer Stigmatisierung von Rockern und hat in bestimmten gesellschaftlichen Schichten bereits zu einer klaren Ausgrenzung geführt. Rocker werden vom Arbeitgeber entlassen, nur weil sie Rocker sind und einem MC angehören, um nur ein Beispiel zu nennen!

Auch wenn Rocker den Impuls zu einer kritischen Berichterstattung setzen, so stellt sich doch die Frage, ob das alles fair und angemessen ist, was die Journalisten regelmäßig an vermeintlich anspruchsvoller Berichterstattung abliefern. Schauen wir uns zunächst einmal den Pressekodex an, der vom Presserat in Zusammenarbeit mit den Presseverbänden beschlossen und erstmals in 1973 dem damaligen Bundespräsidenten Heinemann übergeben wurde. Dort heißt es:

Die Präambel!

Die im Grundgesetz der Bundesrepublik verbürgte Pressefreiheit schließt die Unabhängigkeit und Freiheit der Information, der Meinungsäußerung und der Kritik ein. Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verpflichtung für das Ansehen der Presse bewusst sein. Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahr.

Die publizistischen Grundsätze konkretisieren die Berufsethik der Presse. Sie umfasst die Pflicht, im Rahmen der Verfassung und der verfassungskonformen Gesetze das Ansehen der Presse zu wahren und für die Freiheit der Presse einzustehen. Die Regelungen zum Redaktionsdatenschutz gelten für die Presse, soweit sie personenbezogene Daten zu journalistisch-redaktionellen Zwecken erhebt, verarbeitet oder nutzt. Von der Recherche über Redaktion, Veröffentlichung, Dokumentation bis hin zur Archivierung dieser Daten achtet die Presse das Privatleben, die Intimsphäre und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung des Menschen.

Die Berufsethik räumt jedem das Recht ein, sich über die Presse zu beschweren. Beschwerden sind begründet, wenn die Berufsethik verletzt wird. Diese Präambel ist Bestandteil der ethischen Normen.

Was folgt für mich daraus?

Das Leitmotiv der Verlage lautet „Bad News, are good News!“. Natürlich sind Informationen über Tötungsdelikte oder andere Verbrechen, egal in welchem Bereich, nichts Positives, ganz im Gegenteil, aber sie erzeugen eine hohe Aufmerksamkeit. Je mehr potentielle Leser durch Negativ-Schlagzeilen angefixt werden, desto eher kaufen sie die Zeitung oder abonnieren die Onlinenews. Das Good bezieht sich somit klar auf die Tatsache, das negative Schlagzeilen die Leser zum Kauf/Konsum animieren. Der Verlag verdient mehr Geld.

Die Lust auf die Sensation oder das Verbrechen zieht sich wie ein roter Faden durch alle Schichten. Sogar Rocker, die nur allzu gerne von der Schmierenpresse sprechen, tappen in die Abo-falle. Schlimm genug und selbstverständlich hochgradig peinlich, wenn man genau dort seine Kohle lässt, wo man an anderer Stelle das große Übel vermutet.

Die Verlage entscheiden natürlich selber, über was sie berichten. Klar könnten sie unendlich viele positive Aspekte aus der Bikerszene präsentieren, zum Beispiel das Biker-Benefiz oder die vielen friedlich verlaufenden Partys, die es in hoher Anzahl auch bei den Hells Angels oder Bandidos gibt, aber.erstens würden sie damit vermutlich kaum einen Nichtbiker aus der Ecke holen und zweitens konterkarieren sie das eigenen Leitmotiv, denn nur dann, wenn der Ball fortwährend in dieselbe Richtung läuft, können sie das Spiel konsequent lenken!

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Thema Verantwortung?

Ob sie damit der oben in der Präambel beschriebenen Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit gerecht werden, muss aufgrund der stets gleichen Vorgehensweise mehr als bezweifelt werden. Letztlich gibt es kaum eine ausgewogene Berichterstattung, man könnte ja zum Beispiel in einem Artikel über ein Tötungsdelikt in der Rockerszene auch die entlastenden Aspekte aufzeigen oder wenigstens erwähnen, dass die getroffenen Feststellungen eine Vermutung und keinen Beweis darstellen, oder Aussagen der Rennleitung und der Politik kritisch hinterfragen, also verifizieren, doch das würde bereits am Veto des Chefredakteurs ganz klar scheitern.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, die Pressefreiheit ist abnorm wichtig, aber insgesamt ist nicht einmal im Ansatz zu erkennen, dass die breite Masse der Journalisten, insbesondere der Mainstreammedien, eine in alle Richtungen laufende Recherche vornehmen und sich mit voreiligen Schlüssen zurück halten. Schon die Erstberichterstattung ist in den meisten Fällen mit einer vorweg genommenen Schuldzuweisung belegt. Klar, der Journalist ist nicht der Staatsanwalt, aber damit lenkt er den Leser ohne Beweiserhebung eindeutig in eine Richtung. Das ist beabsichtigt und persönliche Nachteile für Unbeteiligte werden durchaus in Kauf genommen. Shit Happens!

Je öfter dieses so passiert, desto stärker greift der Mechanismus in das Leben von Rockern ein, die gesellschaftliche Ausgrenzung ist die Folge. Kollegen und Bekannte wenden sich ab. Nicht, weil sie es besser wissen, sondern weil sie nicht das Risiko eingehen wollen, dass der Kumpel von gestern das ist, was die Presse fortwährend beschreibt, nämlich ein notorisch Krimineller mit einem gesteigerten Hang zur Gewalt, der ohnehin die Gesetze des Staates ablehnt.

Wer bitte schön glaubt das denn wirklich?

Bezogen auf die Gesamtmenge an Rockern in der Szene, wird ein nur kleiner Anteil zum absoluten Paradebeispiel für eine gesamte Subkultur auserkoren. Irrt man sich in seinen Mutmaßungen, gibt es eine kleine Randnotiz, um der Sorgfaltspflicht zu genügen, das war es aber schon. Das alles funktioniert wunderbar, denn wir haben null Lobby. Niemand interessiert es wirklich, so dass Rocker einzig und alleine als Schlagzeile dienen, um dem Leser die Kohle aus der Tasche zu ziehen. Und das schafft man am besten, in dem man dessen Sensationsgier dauerhaft befriedigt. Da es leider immer wieder Anlässe gibt, hat die Presse auch stetig Futter. Trotzdem ist es viel zu einfach, die geforderten Ansprüche auf eine ausgewogene Berichterstattung einfach links liegen zu lassen.

Mit der Freiheit der Information hat das jedenfalls m. E. nichts zu tun, aber so wird es interpretiert. Klar müssen Journalisten sachbezogen spekulieren dürfen und auch im Nebel stochern, aber egal um welches Thema es sich handelt, die Nummer muss fair und nach bestem Wissen ablaufen. Ist es nicht seltsam, dass mir bisher nicht ein einziger Journalist die Zusage gegeben hat, dass er als Befürworter des Insignienverbotes oder der Polizeiaufgabengesetze am Rocker Talk 3 teil nimmt.

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Ich hatte mit einem durchaus szenekundigen Journalisten aus dem Norden ein langes Telefonat. Es war mehr als erstaunlich, wie kritisch er über die Kollegenschaft sprach. Vieles von dem, was ich hier beschreibe, räumte er ein. Ich gehe aber klar davon aus, er wird nicht kommen, denn das letzte Wort hat der Arbeitgeber. Und der wird es never ever zulassen, dass wir ihm diesbezüglich Fragen stellen und Antworten abnötigen, die nicht in das Konzept passen. Da ich ihm mein Wort gab, nenne ich nicht seinen Namen.

Klar, hier drehen wird den Spieß um und die Rocker sind in der Überzahl, doch wäre es nicht mal interessant zu sehen, was passiert, wenn sich die sogenannten Rockerexperten der Presse einem verbalen Duell mit den Leuten aussetzen, über die sie vermeintlich so viele Kenntnisse besitzen. Wir alle kennen die Antwort. Daher ist es umso wichtiger, dass die Szene ein Signal setzt und unabhängig von Clubaspekten das große Ganze sieht.

Es geht hier um das verschärfte Vereinsrecht und um die Polizeiaufgabengesetze. Und wer das noch nicht begriffen hat, nur eine einzige Verfehlung kann ohne Gerichtsverhandlung zum Insignienverbot führen. Ganz ehrlich, ich schaue derzeit mit Sorge auf den Pott und hoffe, dass ich mich irre. Denn dort lauert schon das nächste Verbot. Meine Meinung!

Autor: Lars Petersen

Über 30 Jahre Erfahrung als Vertriebsmann. Davon 9 Jahre Anzeigenleiter bei der Borgmeier Media Gruppe GmbH in Delmenhorst. Ü50, Vater, Musiker ( Singer ) und MC-Mitlglied. Karre. 99er Harley Davidson Road King KM pro Jahr? Das reicht schon! Mein Credo? Geht nicht, gibt es nicht!! Machen, nicht labern! Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass er seine Tätigkeit mit der höchst möglichen Neutralität und Objektivität ausführt und die Inhalte im Online-Magazin nur von ihm entschieden wird. Besonderes: Veranstalter von Bikes, Music & More Vol.1 bis 5. - Das Biker-Festival in Delmenhorst sowie der Biker Meile im Rahmen des Delmenhorster Autofrühlings.