Ansichten: Der 1%er!

Als ich seinerzeit die erste Kontakte zu den Bremer Borns knüpfte, hatte ich so gar keine Ahnung von dem 1%er-Status. Als absoluter Newbee in der Szene interessierten mich ausschließlich die Typen, in deren Klubhaus es so verdammt nach Zusammenhalt und Kameradschaft roch. Da war so eine ganz besondere Atmosphäre, die ich mit Worten seinerzeit nicht beschreiben konnte.

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Im Laufe der Zeit stieg ich intensiver in das Thema ein. Klar las ich dann irgedwann etwas über Hollister und die damit verbundene Aussage der AMA ( American Motorcyclist Association ) und auch über die Männer, die trotz des Einzugs der bezahlbaren Autoindustrie in den USA an ihrem geliebten Bike festhielten und damit schon vor dem 2. Weltkrieg als 1%er bezeichnet wurden.

Heute spielen diese historischen Aspekte gar keine Rolle mehr, schon gar nicht in der Presse. Der Onepercenter wird konsequent als Outlaw im Sinne eines Kriminellen verkauft. Fast bekommt man als Außenstehender den Eindruck, dass man kein Member in einem 1%er-MC werden kann, ohne Straftaten zu begehen. Vielleicht gibt es das tatsächlich, aber wenn, ist es keineswegs repräsentativ für alle 1%er-Clubs. Denn wenn wir uns den Status näher anschauen, so trifft die Definition des „Geächteten“ oder „Ausgegrenzten“ wohl eher den Nagel auf den Kopf.

Dieses Foto ging 1949 um die Welt. Es war gestellt worden. Der Typ war ein Modell, kein echter Biker!

Dieses Foto ging 1949 um die Welt. Es war gestellt worden. Der Typ war ein Modell, kein echter Biker!

Wie dem auch sei. Staat und Presse sind sich einig, dass Onepercenter die Bösen sind. Aus dem Begriff OMC ( Outlaw Motorcycle Club ) wurde durch das FBI der Begriff OMCG ( Outlaw Motorcycle Gang ) kreiert. Wie wir wissen, eine reine PR-Nummer, um der Bevölkerung die besondere Gefährlichkeit der Onepercenter zu vermitteln, da die Bevölkerung das Wort Gang mit kriminellen Banden in den Problembezirken von LA oder Berlin assoziieren. Da hat man die Schublade gefunden, in die Onepercenter passen! Diese kokettieren daher zum Teil auch mit derartigen Begrifflichkeiten, sie sind ja ohnehin bereits ausgegrenzt. Begriffe wie Gang-Member sind denn wohl auch eher als eine Provokation, als ein klares Identitäts-Bekenntnis zu werten.

Doch wie ist es wirklich?

Lassen wir den Status selber mal beiseite. Ich denke, wir kommen dadurch weiter, in dem wir die 1%er-Clubs aufgliedern. Undzwar in Business- und Family-Clubs. Offiziell gibt es diese Unterschiede nicht, doch in der Realität ist es nun mal defacto so, dass es in der Tat MC’s gibt, in denen das Kapital eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Diese Clubs sind besonders geschäftstüchtig, setzen auf groß angelegte Marketing-Aktionen, um zum Beispiel das eigene Merchandising intensiv anzutreiben. Das macht bei internationaler Ausrichtung auch absolut Sinn.

Und vermutlich hilft ihnen dabei sogar das von der Presse gezeichnete Bad-Boy-Immage, da sie dadurch Käuferschichten generieren, die sehr gerne damit kokettieren. Ob sich dahinter nun tatsächliche Strukturen der Organisierten Kriminalität verbirgen, darf allerdings heftig angezweifelt werden, da diese an sich in der Anonymität agieren. Wir dürfen jedenfalls klar festhalten, dass es zwischen den mafiösen Gebilden der Cosanostra und anderen bekannten Organisationen und den sogenannten Business-Clubs eindeutige Unterschiede gibt. Und Straftaten von Einzelpersonen dürfen ohnehin der gesamen Gruppe nicht zugeordet werden.

Teilweise bereits Realtität!

Teilweise bereits Realtität!

Aber diese Clubs ziehen mittlerweile Männer an, die es tatsächlich mit der Einhaltung der Gesetze nicht so genau nehmen. Und wenn diese bereits vor der Aufnahme in den MC ihre kriminelle Karriere gestartet haben, liegt es ausschließlich an dem Club selber zu entscheiden, ob man die damit verbundenen Folgen in Kauf nimmt oder nicht. Denn dieses Klientel ist natürlich das ideale Futter, aus dem dann die spektakulären Headlines über kriminelle Rockerbanden enstehen. Es gilt das Motto: „Die Geister, die ich rief!“.

Hier greift oftmals der Bruderschaftsgedanke: „Your Brother is not allways right, but he is allways your Brother!“. Das bringt es an sich auf den Punkt. Während die Zivilgesellschaft deratiges Verhalten ächtet, bleibt der Bruder ein Teil der Gemeinschaft. Und damit geht jeder 1%er-Club auf seine Art und Weise anders um. Warum sollen auch die ohnehin Ausgegrenzten, die eigenen Leute auch noch ausgrenzen? Das passierte in der Regel nur bei Verstößen gegen die Club-Rules oder wenn das individuelle Verhalten dem MC schadet.

Das Problem besteht nun darin, dass der Staat keine Unterschiede macht. Pauschalisierung ist auch einfacher als Differenzierung. Warum sollte er sich überhaupt die Mühe machen, und die jeweilige historiche und ideologische Entwicklung jedes einzelnen 1%er-Clubs hinterfragen. Rocker sind eine Randgruppe, sie spielen für das Staatsgebilde keine Rolle. Es ist also kein Wunder, wenn diese völlig undifferenziert stigmatisiert werden können. Sie sind entbehrlich!

An dieser Stelle nun trifft jeder Onepercenter für sich die fundamentale Entscheidung, wie er sich sein Clubleben vorstellt. Der Großteil der 1%er-Clubs hat die Antwort gefunden und für sich klar festgelegt, dass ein Zusammenleben in Freiheit mit den Brüdern erstrebenswerter ist, als permanente Besuche im Knast, die das Clubleben nicht gerade fördern. Das bedeutet nun keineswegs, dass Männer aus dem Milleu keine Chance erhalten. Doch wenn sie es nicht gebacken bekommen, ihr Leben nach den Regeln des Clubs zu führen, gar den Club für ihre persönlichen Ziele missbrauchen, dann sind sie raus, so meine Einstellung dazu. Der Family-Gedanke steht im Fokus. Alle sind gleich, egal was sie auf Tasche haben. 

Mit den Insigneien der 1%er wird mittleriweile richtig Kohle gemacht!

Mit den Insigneien der 1%er wird mittleriweile richtig Kohle gemacht! Und das gefällt den meisten gar nicht!

Trotzdem verbindet alle Onepercenter die Erwartung, dass man für den Club immer da ist. Zu jeder Zeit, egal aus welchem Grund. Auch die Family-Clubs werfen den Member nicht sofort raus, wenn der sich einen Bock geleistet hat, und mal eben für zwei Jahre in den Bau muss. Denn sein Ansehen hängt nicht davon ab, dass er immer auf dem Pfad der political correctness agiert, er darf aber mit seinem Fehlverhalten dem Club nicht schaden.

Das unbedingte Einstehen für den Club ist es, auch unter Einbeziehung persönlicher Nachteile im Privat- oder Geschäftsleben, was alle Onepercenter dann doch vereint. Klar weiß auch ich, dass es Typen in den Clubs gibt, die dem nicht entsprechen. Doch warum soll ich an dieser Stelle genauso vorgehen wie die Presse, und die Ausnahmen plötzlich zur Regel machen. Sorry, damit würde ich das Thema ja selber auf einen Ebene tragen, wo es der gesamten Szene überhaupt nicht gerecht wird.

Persönlich ist es mir völlig latte, ob andere Onepercenter meine Meinung als weichgespült empfinden oder nicht. Ich sehe mich als Onepercenter zum Anfassen und auch zum quatschen. So bin ich halt gestrickt. Wer eine korrekte Ansage macht, hat mit mir keine Probleme. Nur sollte niemand daraus den Schluss ziehen, dass ich jeden Macker nur deshalb respektiere, weil er eine Kutte trägt.

Sorry, so läuft das nicht. Wenn man solange in dieser selbst gewählten Gemeinschaft lebt, dann reicht ein Bildchen über den Bikers-Code im Fratzenbuch keinesfalls aus, um von mir respektiert zu werden. Ich werde zu diesem Thema noch mal an anderer Stelle was raushauen. Da gibt es noch so viel mehr zu erwähnen.

In diesem Sinne sehen wir uns irgendwann und irgendwo dort, wo wir eventuell zusammen richtig Spaß haben oder uns evtl. fetzen.

Autor: Lars Petersen

Über 30 Jahre Erfahrung als Vertriebsmann. Davon 9 Jahre Anzeigenleiter bei der Borgmeier Media Gruppe GmbH in Delmenhorst. Ü50, Vater, Musiker ( Singer ) und MC-Mitlglied. Karre. 99er Harley Davidson Road King KM pro Jahr? Das reicht schon! Mein Credo? Geht nicht, gibt es nicht!! Machen, nicht labern! Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass er seine Tätigkeit mit der höchst möglichen Neutralität und Objektivität ausführt und die Inhalte im Online-Magazin nur von ihm entschieden wird. Besonderes: Veranstalter von Bikes, Music & More Vol.1 bis 5. - Das Biker-Festival in Delmenhorst sowie der Biker Meile im Rahmen des Delmenhorster Autofrühlings.