Thema: Sind Biker Rebellen?

Persönliche Gedanken!

Als ich in die Bikerszene eingestiegen bin, das war mit erst 39 Jahren, war ich völlig unbefleckt. Von der Bikerszene hatte ich überhaupt keine Ahnung. Insofern schwirrten eine ganze Menge naiver Gedanken in meinem Schädel umher. Schnell merkte ich, dass ich zukünftig die Ärmel etwas mehr aufkrempeln müsste, um nicht zu einem Ja-Sager zu mutieren, was als Hangeround und Prospect auch nicht so ganz easy war.

Später als Member erfuhr ich am Tisch, dass man sich durchaus die Meinung geigen kann, ohne die gegenseitige Achtung zu verlieren und ohne, das eine Kontroverse letztlich zu einem Bruch der Beziehungen untereinander führt, auch wenn natürlich die Sympathien in der Truppe stets unterschiedlich ausgeprägt sind. Da ist es, was ich an der Clubszene u. a. schätze. Beständigkeit!

Dabei geht es nicht um richtig oder falsch. Es geht in erster Linie darum überhaupt eine eigene Meinung zu haben und diese am Tisch auch zu vertreten. Selbiges erwarte ich natürlich auch von allen anderen. Dass man dabei nicht immer auf ganzer Linie 100 % authentisch agiert, erklärt sich von selbst. Das Bemühen sollte jedoch stets vorhanden sein.

2013 nahm ich dann die Tätigkeit mit dem Onlinemagazin auf. Ab da änderte sich in einem schleichenden Prozess meine Wahrnehmung auf die Szene zum Teil beträchtlich. Es poppten Themen wie das Insignienverbot, die Forderung nach einem temporären Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen, Sars-CoV 2 und aktuell der Krieg in der Ukraine auf. Natürlich habe ich mit damit beschäftigt, mich teilweise auch reingehängt. Ja, ich habe mich politisiert.

In den Socials wurde das ebenfalls breit und hitzig diskutiert. Viele mutierten regelmäßig zu verbalen Che Guevaras und schwenkten die Protestfahne. Wir müssten, wir sollten, was weiß ich. Letztlich sellte ich für mich fest, dass etliche Biker nicht weniger angepasst, vom Mainstream stetig angefixt und auf Political Correctness gepolt sind, als die, denen sie im Netz einen vor den Koffer geballert haben. Denn spätestens dann, wenn sie das Gefühl bekamen, dass sie in ihrem eigenen Umfeld ggf. mit echtem Gegenwind oder gar Repressalien zu rechnen hätten, wurden sie leise und suchten den vermeintlichen Fehler, um sich aus dem Thema zu verabschieden.

Der ist rechts, der ist links, der ist blöd, der ist X. OmG. Ob das wirklich so ist, wurde nur selten gecheckt. Es passt ja so wunderbar in den Zeitgeist, alles und jeden ungeprüft zu klassifizieren und in einer Schublade zu verorten. Die Likes im Netz sind einem stets sicher und wenn ein Shitstorm droht, lässt man es eben oder weicht die eigene Meinung derart auf, dass man keine Angriffspunkte mehr bietet und sich jederzeit der anderen Seite zuwenden kann. Taktisch nachvollziehbar, aber eben Taktik. Was für Helden! Zeichnet das den heutigen Biker aus? Ja, vielfach!

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Ein Beispiel!

Bei den Motorraddemos kamen teilweise zig Tausende Biker zusammen, in Nürnberg, in München, in Vechta, was weiß ich wo, Gruppen entstanden in den Socials, da tummelten sich teilweise 25.000 User oder mehr. Die Admins, überwältigt vom vermeintlichem Erfolg, fingen an sich mit anderen Demos zu messen, sich abzugrenzen, Kooperationen scheiterten bereits hier, obwohl die Truppe selber noch nichts für das eigentliche Ziel erreicht hatte. Statt eine echte Schnittmenge zu suchen, suchte man das, was einen trennt. Entweder war man größer, geiler oder man mochte das Gegenüber einfach nicht. Sofort war man auf derselben Schiene unterwegs, wofür man die zivile Mitte stets kritisiert.

Einige wenige suchten dennoch den Schulterschluss und orientierten sich an dem Thema selbst. Sie hängten sich konsequent rein, nur um dann zu erfahren, dass über 5.000 Biker bei einer Motoraddemo oder ein gemeinsames Strategapier letztich nichts darüber aussagen, ob die Biker wirklich hinter einem stehen oder einfach nur die Demo für das Selfie des Tages oder das Strategiepapier für Eigenwerbung nutzten. Klar, Lob gibt es allethalben, aber wenn man dann in seiner Clubbude nach Jahren ein Hearing anbietet, dann sitzt man da mit 30 Leuten. 30, nicht 300! Als ich das hörte, habe ich mich für die Bikerszene fremdgeschämt.

Das solche Leute dann überhaupt noch weitermachen, ringt mir enormen Respekt ab, obwohl ich ihr Agieren nicht in jedem Fall als sinnvoll ansehe. Aber wie gesagt, es geht nicht um Richtig oder Falsch, es geht um das Ziel und die konsequente Arbeit erzeugt Authentizität. Wenn also Leute für sich in Anspruch nehmen können, dass sie rebellisch oder wenigstens nicht angepasst sind, dann doch wohl eher diese, denn sie bieten stets eine Plattform, auf der sie kritisiert werden und ziehen das Ding dennoch durch. Greetz hier an John, Peter, Susanne´& Co!

Wechselwirkungen?

Wir leben in einem Land, dessen Gesellschaft plural geprägt ist. Wisst ihr eigentlich noch, was das bedeutet? Es bedeutet, dass wir ohnehin in einem permantenten Wettbewerb von Meinungen und Ansichten stehen. Das erzeugt Kontroversen. Statt diese als Chance zu sehen, werten es viele reflexartig als Abgrenzungslegitimation. So entstehen Lager, die sich direkt unversöhnlich gegenüber stehen, bevor sie überhaupt darüber diskutiert haben, was sie ggf. verbindet. Die heutige Politik ist da m. E. der absolute Trendsetter und setzt oftmals verkehrte Zeichen.

Dazu einige Beispiele:

1.Solidarisch bin ich dann, wenn es von mir erwartet wird? Was für ein Schwachsinn. Solidarität muss proaktiv gezeigt werden. Wenn ich von einem Thema überzeugt bin, dann bin ich wirklich solidarisch, aber doch nicht, wenn dahinter eine Verordnung oder das permanente Propagieren der Medien steht. Das nimmt echter Solidarität jeden Wert. Warum ist derjenige automatisch unsolidarisch, der dem Mainstream nicht folgt? Ganz einfach, weil es euch ein gutes Gefühl gibt, während der vermeintliche Impfkritiker oder sogenannte Putinversteher sich seit Jahren für behinderte Menschen engagiert.

2.Ich fahre nicht zu FioR, denn das veranstalten die Hells Angels? Seltsam, da geht es um die Einschränkung der Freiheitsrechte, ergo um dasselbe wie in München, Nürnberg, Vechta, usw.. Das sind auch Biker, halt Onepercenter. Schon sind wir beim Thema. Die sind kriminell und mit denen mache ich mich nicht gemein. Plötzlich wird alles das, was ihr in der Mainstreampresse gelesen habt als Basis für eine sofortige Ablehnung herangezogen, also aus der Presse, die ihr anderseits stetig als Lügenpresse bezeichnet und für eine vorverurteilende Berichterstattung kritisiert.

3.Ich kann das Denken von Putin nachvollziehen? Oha, jetzt wird es derbe. Ja, ich kann das. Das bedeutet aber keineswegs, dass ich sein Agieren gut heiße. Im Gegenteil, aber ich habe mir sein Statement nach dem Einmarsch angehört. Der Mann fühlt sich gedemütigt und möchte das Rad der Geschichte zurückdrehen. Nur meine Aussage alleine wird sofort als Verständnis oder gar Zustimmung für sein Handeln gewertet. Und warum? Weil es Politik und Presse euch eingetrichtert haben. Nachvollziehbarkeit hat aber reinweg gar nichts mit Zustimmung zu tun. Wie wäre es denn mal mit einer Nachfrage zum richtigen Verstehen?

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Biker sind rebellisch?

Vergesst es! Sie sind oftmals jedenfalls nicht das, wofür sie sich halten. Fangen wir daher doch besser mal damit an, dass wir wieder zu unseren wirklichen Überzeugungen stehen und nicht jeden sofort in eine moralische Zwangsjacke stecken. Die Bikerszene ist so in Summe lasch, bequem und gesellschaftskonform geworden. Eine Lederweste, 10.000 KM pro Jahr, gute Schrauberfähigkeiten, all das macht euch final aber noch nicht zu einem echten Biker, schon gar nicht zu einem Rebellen. Wenn am Ende nämlich immer wieder eigene Überzeugungen zurückhalten werden, seid ihr genauso von der Political Correctness gefangen, wie die, von denen ihr euch abgrenzen wollt.

In den Motorradforen über Leute lästern, die keine drei Hochglanzbikes am Start haben oder mal eine etwas ungeschickte Frage in Sachen Technik stellen, das geht immer, aber sich für eine Sache stark machen und dafür nachhaltig einzutreten, dafür reicht es nicht? Wow! Zwanzig mal im Jahr 100 KM zu einer Fischbude fahren, aber bei 300 KM zu einer Demo abwinken. Ja nee, ist klar.

Ich hatte tatsächlich mal vor Jahren die Vorstellung, wie geil es wäre, mit zig Tausend Bikern nach Berlin oder vor ein Landsparlament zu cruisen, um dort ganz klar ein unmissverständliches Zeichen für den Erhalt der Freiheitsrechte und gegen die konsequente Verbotspolitik zu setzen. Das kann ich mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt abschminken. Denn die Form des Protestes wäre dann durchaus herausfordernd und sobald die Rennleitung einen massiven Einsatz anküngt, werden aus 5.000 Interessenten im Netz plötzlich 500, wenn überhaupt.

Die Bikerszene hätte m. E. in der Tat eine enorm hohe Mobilitätskraft. Diese kann aber nur dann geweckt werden, wenn sich alle bewegen und sich nicht ständig an Aspekten aufhängen, die den Kern des Anliegens gar nicht mehr tangieren. Jeder hat seine Meinung, es gibt immer Kontroversen, gut so, aber ob der Mann neben euch nun für oder gegen Putin ist, für oder gegen quere Menschen, ist doch letztlich nicht entscheidend dafür, ob ihr bei anderen Thema die Schnittmenge sucht und gemeinsam agiert, zumal, wenn ihr sonst auf derselben Welle liegt.

Und jetzt bin ich mal gespannt, wie viele Follower mein Onlinemagazin verlieren wird. Mein Gefühl sagt mir, etliche! My 5 Cents! Und jetzt Feuer frei!

Autor: Lars Petersen

Über 30 Jahre Erfahrung als Vertriebsmann. Davon 9 Jahre Anzeigenleiter bei der Borgmeier Media Gruppe GmbH in Delmenhorst. Steckenpferd? PR Vater, Musiker ( Singer ) und MC-Mitglied (1%er). Karre? 99er Harley Davidson Road King KM pro Jahr? Das reicht schon! Mein Credo? Geht nicht, gibt es nicht!! Machen, nicht labern! Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass er seine Tätigkeit mit der höchst möglichen Neutralität und Objektivität ausführt und die Inhalte im Online-Magazin nur von ihm entschieden wird. Besonderes: Veranstalter von Bikes, Music & More Vol.1 bis 5. - Das Biker-Festival in Delmenhorst sowie der Biker Meile im Rahmen des Delmenhorster Autofrühlings.